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Jede abhängige Frau ist nicht als allein lebende, nur für sich verantwortliche Person zu betrachten; vielmehr ist sie meist in soziale Gefüge eingebettet, die für eine erfolgreiche Durchführung der Suchtbehandlung unbedingt Berücksichtigung finden müssen. In erster Linie ist hierbei an die Familie zu denken. Die Beziehung zum Ehemann oder Partner findet schon seit langem Berücksichtigung im therapeutischen Setting. So sollte die Angehörigenarbeit, d. h. auch das Hinterfragen der Beziehung, fester Bestandteil der Suchttherapie sein. Genauso wichtig ist aber auch die Beziehung zwischen der abhängigen Mutter und ihren Kindern. Die Mutter-Kind-Beziehung ist hierbei von beiden Seiten, d. h. von Mutter und Kind, zu betrachten.

Mit dem Kinderwunsch, der Zeugung, der Schwangerschaft und schließlich der Geburt des Kindes übernimmt die Mutter Verantwortung oder, besser gesagt, sollte die Mutter Verantwortung für das Neugeborene übernehmen.

„Der Mensch ist eine physiologische Frühgeburt und bedarf langjähriger Pflege und Versorgung, bis er selbständig leben kann. Dass neben der physischen Versorgung (Ernährung, Wärmeregulation und Hygiene) auch die emotionale Versorgung wesentlich ist, haben die bekannten Untersuchungen von Spitz & Bowlby deutlich gemacht“ (Weidenmann & Krapp, 2000, p. 300).

Normalerweise wird diese Betreuungsfunktion von den Eltern, speziell von der Mutter übernommen, sie hat die herausragende Rolle in der Sozialisation des Kindes. So sieht König (1974, p.70) als "Zentralfunktion der modernen Familie" den "Aufbau der soziokulturellen Person des Menschen", was er als "zweite Geburt" des Menschen bezeichnet. Die Mutterrolle ist hierbei stärker zu bewerten als die jeder anderen Bezugsperson (z. B. Vaterrolle), da sie biologisch determiniert und kulturell überformt ist.

Sollte sich die werdende Mutter nicht für ein suchtmittelfreies Leben (zumindest während der Schwangerschaft) entscheiden, so hat das für das (ungeborene) Kind weit reichende Folgen, hier sei nur die Alkoholembryopathie mit ca. 2500 Fällen allein in Deutschland pro Jahr erwähnt.

Die Sucht der Mutter hat also auf das Kind Auswirkungen, zumal im Zusammenhang mit der Sucht zusätzlich noch Sekundärfolgen wie soziale Verwahrlosung, gestörte Partnerbeziehungen etc. auf das Kind rückwirken.

So spricht Stauber (1981) von zwei Ebenen, die die Entwicklung des Kindes massiv beeinflussen:

  • die physiologische Ebene, d. h. die Beeinträchtigungen des ungeborenen Kindes durch psychotrope Substanzen und die Rückkopplungsprozesse dieser Schwangerschaften auf die nachgeburtliche Entwicklung;
  • die psychosoziale Ebene, also die besonderen Sozialisationsbedingungen und die besondere Dynamik in drogenkranken familiären Systemen.

Ganz speziell erlebt das Kind oft die Situation, dass es nicht in dem Rahmen im Mittelpunkt des Interesses der Mutter steht, wie dies bei einer "gesunden" Frau der Fall wäre, sondern etwas anderes (nämlich die Droge) den Platz des Kindes einnimmt.

Oft ist das Muttersein natürlich auch eine Belastung für die suchtkranke Frau. Neben den oben bereits beschriebenen Faktoren kann die zusätzlich belastende Mutterrolle verstärkend auf das Benutzen von Kompensationsmitteln wirken. Hier ist in erster Linie an die Droge zu denken.

Die Geburt eines Kindes ist also immer ein kritisches Lebensereignis. „Ein kritisches Lebensereignis ist ein Eingriff in das zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Anpassungsgefüge zwischen Person und Umwelt. Es lässt die Person emotional nicht gleichgültig und sein Effekt besteht darin, dass die Person ein neues Gleichgewicht herstellt, indem sie ihre (soziale) Umwelt neu arrangiert und/oder ihr Verhaltenssystem reorganisiert" (nach Filipp, 1990). Eine Geburt kann somit für die werdende Mutter einen entscheidenden Einschnitt in ihrem Leben bedeuten, was zu einem Umdenken und damit zum Wunsch nach einem suchtmittelfreien Leben und letztendlich zur Entscheidung für eine Therapie führen kann. Wir sehen daher insbesondere auch die Chance, die die Geburt und die Verantwortung für ein Kind bedeuten kann. So berichtet auch Stauber (1981), dass durch „die Hoffnung Kind“ die Motivation zum Entzug bei den Frauen seiner Untersuchung gestärkt worden sei.

 

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